8. Deine Tattoos

Ich darf dich berühren,
seh die Sterne auf deinem Bauch.
Fahr mit den Fingern die Konturen nach
und merk, du magst das auch.
© Amely Day – Deine Tattoos

21. Dezember

Es ist schon verrückt dass wir Geld ausgeben um in feuchten, dunklen Blockhütten zu schwitzen und den Körper überhitzen, nur um anschließend in eiskaltem Wasser die Körpertemperatur so lange wieder runter zu kühlen bis Puls und Kreislauf einigermaßen normal sind. Nur um dann, abgeschottet von der Außenwelt, in einem Ruheraum die Erholung und Entspannung zu finden die man vom allabendlichen Couchsurfen kennt.

Solche und ähnliche Gedanken beschäftigen mich, während mir mein bester Freund mit dem ich heute zum Saunieren nach Mainaschaff in den Saunagarten Mainparksee gefahren bin, vom Verkauf seines Mountainbikes erzählt.

Wir sitzen im Bistro und gönnen uns nach dem ersten Aufguss und der ersten Ruhephase einen Milchkaffe den wir zusammen mit den mitgebrachten süßen Teilchen vom Maxl-Bäck genießen. Ich höre ihm trotzdem aufmerksam und interessiert zu und erzähle ihm anschließend von meinem Ausflug nach Bamberg vor zwei Tagen auf den Weihnachtsmarkt und er erwidert überrascht dass auch er am selben Tag und zur gleichen Zeit mit seiner Lebensgefährtin in Bamberg auf dem Weihnachtsmarkt war

….die Maus würde jetzt sagen: „Klingt komisch, ist aber so.“

Dann lassen wir unseren gemeinsamen Türkei Urlaub noch einmal Revue passieren und während wir unsere Erinnerungen austauschen läuft in meinem Kopfradio mein Song Deine Tattoos und ich erinnere mich an die spannende Entstehungsgeschichte:

Zwei magische Sätze

Ich wollte einen Song über Tattoos schreiben und habe als musikalische Grundlage eine Songidee genommen die ich Ende August aufgenommen hatte. Das Interesse an diesem Thema wurde durch Arbeitskolleginnen geweckt die Tattoos mit für mich typisch weiblichen Motiven wie Schmetterlinge, Sterne und Blumen trugen und ich mich mit der Bedeutung von Tattoo-Symbolen näher beschäftigen wollte.

Im Orange Palace in Side gab es eine relativ schnelle Verbindung ins Internet und mit dem Suchbegriff: Bedeutung Tattoo bekam ich jede Menge Treffer für Seiten, die sich mit diesem Thema beschäftigen, angezeigt.

Ich wollte mir passende Motive aussuchen, diese thematisch in Strophen packen, einen Refrain dazu schreiben und fertig wäre der Song. Doch irgendwie kam es ganz anders, denn die Bedeutung der für mich typisch weiblichen Tattoos war gar nicht so mädchenhaft wie ich das immer angenommen hatte.

Delphine zum Beispiel stehen für Klugheit, Weisheit, Gesundheit, Freiheit und die Liebe zum Leben. Der Schmetterling in seiner unendlichen Vielfalt symbolisiert neben Veränderung und der Schönheit in einem langen Leben auch die Unsterblichkeit und das Glück in der Familie. Und was die Blumen betrifft, da lag ich völlig daneben. Hier hat jede Blume eine eigene Bedeutung die von Stolz, Verlassenheit, Grausamkeit, Oberflächlichkeit bis zu inniger Liebe und Aufrichtigkeit reicht.

Ich war erst einmal platt und mir wurde klar dass es in meinem Song um eine Frau gehen muss deren Tattoos eine Geschichte erzählen.

Angefixt von den vielen Informationen über die unterschiedlichsten Bedeutungen, wollte ich wissen was die beliebtesten Tattoos sind. Die Antwort darauf erhält man laut Google auf den Seiten von Man´s Health, Style Revolution, Pinterest, Erdbeerlounge und Goere.

Das war aber nicht das was ich gesucht hatte. Ich wollte keinen Song über Tattoos als Modeaccessoire schreiben. Also gab ich als neuen Suchbegriff Tattoo Messe ein. Hier fanden sich auf verschiedenen Seiten Interviews mit Messebesuchern die sehr persönliche Geschichten zu ihren Körperbildern erzählen. Und dann las ich in einem Interview diese zwei magischen Sätze:

Wenn du schwimmen gehst dann wirst du nass.
Trägst du ein Tattoo dann spürst du was.

Da war soviel Musik drin in diesen Worten. Das war mein Refrain. Das hab ich gespürt. Jetzt musste ich nur noch meine imaginäre Frau und ihre Tattoos mit diesem hammermäßigen Refrain zusammenbringen. Und das ging schneller als gedacht.

Während wir am Strand die Sonnenstrahlen auf unserer Haut genossen, entstand in meinen Gedanken eine kleine Liebesgeschichte die von einem jungen Pärchen erzählt das ganz langsam eine intime Nähe und sehr vorsichtig und behutsam Vertrauen zueinander aufbaut. Nur den Fragen nach der Bedeutung ihrer Tattoos weicht sie mit den Worten aus dem Refrain aus.

Am vorletzten Urlaubstag war der Song fertig und ich hatte mich trotz des wundervollen Urlaubs unglaublich darauf gefreut nach Hause zu kommen um den Song auf meiner Gitarre zu spielen und aufzunehmen….

Nachdem wir das Thema Türkeiurlaub ausgiebig nachbesprochen haben, machen wir noch zwei Aufgüsse mit, entspannen beim Lesen, relaxen im Whirlpool und fühlen uns mit Einbruch der Dunkelheit bereit für den nächsten Programmpunk: Glühwein trinken am Weihnachtsmark und irgendwo noch etwas essen gehen.

Kurz vor Mitternacht bin ich wieder zu Hause und stehe vor meinem Kühlschrank. Es sind mittlerweile nur noch fettarme Produkte darin da ich bei meinen Fressattacken nicht noch mehr zunehmen möchte. Ich überlege: wenn ich die drei Packungen Hähnchenbrust mit ordentlich Sahnemeerrettich darauf esse….und anschließend….und dann schließe ich den Kühlschrank wieder und setzte mich auf mein Sofa. Ich nehme meine Gitarre und spiele Deine Tattoos.

Nachtgedanken

Es ist gut einen besten Freund zu haben. Jemanden mit dem man vertrauensvoll über Dinge sprechen kann die einen bewegen, wie die gesundheitliche Situation oder berufliche Perspektiven. Was meinen besten Freund als solchen auszeichnet ist seine Art mir zuzuhören. Er tut das ohne zu glauben mich in meiner Meinung bestärken zu müssen. Er hört einfach nur zu und wenn er eine Frage hat, dann stellt er sie. Und vielleicht gerade deshalb finde ich viele Antworten auf meine Fragen letztendlich bei mir selbst. Meistens in dem Moment in dem ich meine Fragen formuliere.

Und so erzählte ich ich ihm, während wir in unserem Türkei-Urlaub am Strand entlang Richtung Side liefen, von meiner beruflichen Situation die mich bereits seit Jahren an gesundheitliche Grenzen bringt und die jetzt überschritten wurden, weshalb ich kapitulieren musste.

Ich erzählte von dem Gefühl das mich verfolgte, weil ich glaubte dass Kollegen und Mitarbeiter gegen mich arbeiten würden und mir das über viele Jahre hinweg erarbeitete Vertrauen in meine Arbeit aufgrund struktureller und hierarchischer Veränderungen entzogen wurde.

Ich erzählte von den Nächten in denen ich schweißgebadet und mit Herzrasen aufwache, von den Fressattacken am Abend wenn ich mit meinem Psychotherapeuten über meine berufliche Zukunft spreche und dem häufigen Drang zu Pissen wenn ich beim Nordic Walking über mögliche berufliche Alternativen nachdenke.

Und dann erzählte ich von dem guten Gefühl das sich einstellt wenn ich mich in meine eigene Welt, der Musik, zurückziehe. Und er hörte sich das an, stellte hier und da eine Frage und machte gelegentlich einen kleinen Scherz, so wie er das schon immer getan hat….

(Anfang verpasst?)