6. Fressattacke

17. Dezember

Ich bin hundemüde. Die letzten Nächte habe ich kaum geschlafen. Auslöser war der Vorschlag meines Psychotherapeuten mich zu einer Psychosomatischen Reha anzumelden. Ich hätte dort die Möglichkeit im Rahmen von Gruppensitzungen mit anderen Patienten über meine Probleme zu sprechen.

Bereits auf dem Rückweg von seiner Praxis zu meinem Auto begannen die Gedanken wie wild durch meinen Kopf zu jagen und ließen sich weder ordnen noch kontrollieren. Fremde Hilfe, weil ich nicht mehr alleine klar komme? Ich musste Plan B aufrufen:

LAUFEN GEHEN! Wieder zu Hause zog ich mich um, nahm meine Nordic Walking Stöcke und wollte los. Aber irgendetwas hielt mich fest. Meine Beine, wie in Zement gegossen, wollten sich nicht bewegen.

GITARRE SPIELEN! Aber was? Jeder Akkord den ich spielte und jeder Ton der erklang war so beliebig und schon tausendmal gehört. Das wars. Das Ende meiner Kreativität war erreicht und nur profanen Stumpfsinn spielen wollte ich nicht.

BUCH LESEN! John Steinbeck? Philip Roth? Khalil Gibran? Ich ertrug die Klarheit ihrer Sätze nicht. Rocko Schamoni? Oliver Uschmann? Sorry! Ging gar nicht.

YOUTUBE! Was auch immer ich mir davon versprochen hatte, ich habe es nicht gefunden. Nach endlosem Anstarren des Eingabefeldes für die Suchanfrage klappte ich den Laptop zu und war so dermaßen von mir selbst genervt dass mein Hirn den Befehl gab: FRESSATTACKE!

Ich hatte mir die komplette Wurst und den gesamten Käse aus dem Kühlschrank geholt und Scheibchen für Scheibchen gegessen. Dann ein Ei-Omelett mit fünf Eiern und als ich das Nutella-Glas mit einem großen Suppenlöffel geleert hatte, bin ich mit dem Auto losgefahren um mir beim Bäcker zwei Nougat-Croissants und im Supermarkt eine Tiefkühl-Pizza zu kaufen.

Während die Pizza im Ofen aufging trank ich Kaffee und wusste bei jedem Bissen ins Hörnchen dass mir das Weißmehl den Magen verkleben und die Verdauung blockieren wird und dass es totaler Bockmist ist was ich hier mache. Aber ich konnte es nicht stoppen. Nach der Pizza war ich wütend und enttäuscht weil ich wusste dass Sport die wesentlich bessere Entscheidung gewesen wäre.

Dazu hatte ich dann aber auch keine Lust mehr und ich hasste den Tag, hasste mich und die Welt und mit leichten Krämpfen im Magen hatte ich mir einen Kamillentee gekocht und auf dem Sofa Gitarre gespielt.

Der Nacktkörper-Scan

Gestern morgen dann der Turn-Around: mit mächtig viel Wut im Bauch bin ich nach einer relativ unruhigen Nacht aus dem Bett gesprungen und ins Bad gestürmt. Ich habe mir Rasierschaum auf die Zahnbürste gesprüht und wollte mit Socken in die Dusche steigen. Dann sah ich mein Gesicht im Badespiegel und musste über meine eigene Dummheit lachen.

Nach dem Duschen kam der Nacktkörper-Scan. Ich erschrak beim Anblick meiner Fresswampe und wenige Minuten später war ich bereits Marvel-mäßig, so wie der Rote Blitz, mit meinen Nordic Walking Stöcken on tour. Nach zwei Stunden und 17 Kilometern war ich zurück, hatte mächtig Hunger und nichts mehr zu Essen im Kühlschrank. Ich musste erst wieder Lebensmittel kaufen bevor ich Frühstücken konnte.

Einen Apfel, eine Banane und eine Scheibe Dinkelbrot mit Hähnchenbrust belegt, mehr gab es gestern nicht. Mit leichtem Magenknurren habe ich den Rest des Tages gelesen, Gitarre gespielt und bin immer wieder weggedöst. Am Abend lag ich im Bett und habe mit offenen Augen ins Dunkle gestarrt. Ich konnte nicht schlafen….

(Anfang verpasst?)