4. Zuviel wir

Kreisrunder Fleck an der Wand,
mit Lippenstift markiert.
Ich erinnere mich dunkel,
da war ein Versprechen von mir…
© Amely Day – Zuviel wir

14. Dezember

Eines der schönen Dinge am zu Hause sein und Zeit haben ist es, einen Teil dieser Zeit meinen Eltern schenken zu können. Ich besuche sie regelmäßig und sie erzählen mir Anekdoten aus meiner Kindheit und wie sie die Zeit bis zu meinem zehnten Lebensjahr, an die ich keine Erinnerungen habe, wahrgenommen haben.

Sie erzählen mir von sich, ihrer Kindheit und ihrem Kennenlernen. Sie reden offen über schwierige Entscheidungen die sie treffen mussten, Fehler die sie gemacht haben und ich bekomme ein Gefühl dafür wie schwierig es ist Eltern zu sein, drei Kinder großzuziehen, beruflich neue Herausforderungen anzunehmen und persönliche Wünsche hinten anzustellen.

Ich verstehe viele Dinge jetzt so viel besser. Wir reden aber auch über mich und wie es mir geht. Ich erzähle ihnen, dass ich immer noch nicht zur Ruhe komme und mich gehetzt und gejagt fühle. Dass ich immer noch sehr hektisch bin bei vielem was ich tue und momentan nur in meiner Musik Ruhe und Ausgeglichenheit finde. Sie reagieren sehr verständnisvoll darauf und überschütten mich nicht mit klugen Ratschlägen, was ich als sehr angenehm empfinde.

Vergangene Woche habe ich, direkt nach meinem Termin bei meinem Psychotherapeuten, auf seine Frage was ich denn heute noch Sinnvolles vorhabe, keine Antwort gehabt.

Auf dem Weg zu meinem Auto, das circa 10 Gehminuten von seiner Praxis entfern geparkt stand, kam mir dann spontan der Gedanke meine Eltern anzurufen und nachzufragen ob wir nicht gemeinsam Plätzchen backen wollen.

Irgendwie sah ich die Plätzchenversorgung in diesem Jahr stark gefährdet: bei meinen Schwestern aus beruflichen und bei meiner Mutter aus gesundheitlichen Gründen. Ihre Hüfte macht aktuell nicht mehr so richtig mit und bereitet ihr, bei längerem stehen, Probleme.

Um die Gefahr eines plätzchenbefreiten Weihnachten abzuwenden übernahm ich am selben Tag noch das Kneten des Teiges und das Ausstecken der Plätzchen. Meine Mutter gab mir von ihrem Regiestuhl aus entsprechende Anweisungen und mein Vater überwachte den Gesamtablauf.

Plätzchen backen und Kaffee trinken

Und heute, also eine Woche später, sitze ich wieder im Auto und fahre erneut zu meinen Eltern. Plätzchen backen – Teil II.

Wir haben uns etwas früher verabredet, denn ich habe versprochen meine Gitarre mitzubringen. Meine Eltern mögen die Irischen Pubsongs die ich seit meinem Irland Urlaub gerne spiele. Ich will ihnen aber auch meine ersten fertig geschriebenen Songs vorspielen um zu hören was sie davon halten.

Nach dem Plätzchen backen und Kaffee trinken hole ich meine Gitarre raus, fahre meinen Laptop, auf dem sich die Songtexte befinden hoch und los geht’s mit The Ferryman, Whiskey in the Jar und The wild Rover.

Bei Dicey Reilly ist meine Mutter nicht mehr zu halten und bei Dirty old Town singt mein Vater so leidenschaftlich schräg mit, dass es schon wieder schön ist. Das letzte Stück ist wie immer Molly Malone und ich entdecke eine mich berührende Glückseligkeit in den Augen meiner Eltern.

Danach spiele ich meine eigenen Songs. Ich beginne mit Wo du bist. Das kennen sie bereits und ich finde es passt mit seiner melancholischen Art richtig gut als Einstieg nach Molly Malone.

„Sind alle deine Lieder so traurig?“ fragt meine Mutter.
Ich kontere mit Schöner Tag. Mit diesem Song erziele ich die von mir gewünschte Begeisterung und beim Refrain singen sie sogar mit.

Bei Deine Tattoos, das ich während meines Fluchturlaubs Anfang November, in der Türkei geschrieben habe lächelt meine Mutter als ich zu ihr rüber aufs Sofa blicke. „Auch schön“ sagen sie und doch glaube ich dass meine Eltern mit dem Song nicht wirklich etwas anfangen können.

Wir steh´n hinter dir lasse ich aus. Der Song passt nicht zu den Plätzchen die meine Mutter aus der Küche hereinbringt und die zur ersten Verkostung bereit stehen. Ich komme zum letzten Song und erzähle meinen Eltern wie der Song entstanden ist:

„Es war irgendwann Ende September und ich war absolut unsicher ob ich für die vielen Songideen die ich aufgenommen habe überhaupt ausreichend Texte schreiben kann. Ich hatte überhaupt keine Ahnung worüber ich schreiben sollte und hatte eine Höllen-Angst davor dass meine Texte in die Sparte Schlager abrutschen. Auf meiner Gitarre habe ich den Song „Wo du bist“ so lange gespielt bis ich mich auf die deutsche Sprache eingeschwungen hatte und bereit war für einen weiteren Song. Das Ergebnis war „Zuviel wir“ und erzählt die Geschichte von einem jungen Typen der mit seiner Freundin zusammenlebt und das Gefühl hat seinen persönlichen Freiraum verloren zu haben und daraufhin beschließt auszuziehen. Nachdem der Phantasietext fertig war sind mir zu jeder Strophe spontan Pärchen aus meinem Bekanntenkreis eingefallen. Damit war der Song für mich perfekt.“

Meine Eltern sehen mich an und wollen wissen um wen es in dem Song geht. Ich schaffe es nicht ihnen glaubwürdig zu erklären dass meine Texte einfach so beim Schreiben entstehen und bis auf Deine Tattoos und Wir steh´n hinter dir keinen realen Hintergrund haben.

„Und die Lieder spielst du mit deiner Band?“
„Nein, Pearlgarden ist die Band mit der ich Lieder von bekannten Künstlern nachspiele. Das ist eine Coverband und hat nichts mit meinen eigenen Songs zu tun.“
„Und mit wem spielst du diese Lieder?“
„Es gibt noch keine feste Besetzung. Beim Ingo im Home-Studio habe ich die ersten Songs Ende November gemeinsam mit Frank an der Gitarre und dem Ingo am Bass aufgenommen damit interessierte Musiker hören können wie die Songs klingen.“

Ich spüre die Skepsis in den Augen meiner Eltern und fühle mich nicht mehr wie ein 52 Jahre alter Mann, sondern wie ein 16 jähriger Junge der seinen Eltern erzählt dass er möglicherweise die Schule abbricht um zu sehen was im Leben so läuft und darauf hofft dass seine Eltern sagen: „Na klar Junge, mach mal!“

Als ich mich von meinen Eltern verabschiede sagt meine Mutter „…und beim nächsten Mal bringst du wieder deine Gitarre mit – die Irischen Lieder gefallen mir doch so gut.“

(Anfang verpasst?)